Offener Brief von Festiwelt – Netzwerk der Berliner Filmfestivals
an die Senatskanzlei Berlin vom 12. Oktober 2020

Sehr geehrter Herr Christian Gaebler,

am 10. September 2020 richteten wir ein Schreiben an die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa mit Forderungen für Akteur:innen im Bereich Film und Filmfestivals und erhielten am 15. September 2020 eine Antwort von Dr. Andreas Prüfer. Darin teilte er uns mit, dass die Verantwortung für Film, Medien, Kino bei der Senatskanzlei liegt und er das Schreiben mit den auch laut Herrn Dr. Lederer berechtigten Forderungen an Sie weiterleiten würde. Bisher haben wir keine Antwort erhalten. Deshalb wenden wir uns noch einmal direkt an Sie.

Im Festiweltnetzwerk der Berliner Filmfestivals sind über 20 Filmfestivals der rund 50 in Berlin aktiven Filmfestivals und Filmreihen organisiert. Die vom Verein Festiwelt vertretenen Berliner Filmfestivals erreichen pro Jahr über 100.000 Besucher und sind mit ihren kuratorischen Leistungen wesentlicher Bestandteil der Kultur Berlins, von größeren Festivals wie interfilm Berlin und Achtung Berlin bis zu kleineren Festivals und engagierten Filmreihen. Von Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilm, Animation, Experimentalfilm, Poesiefilm, Sci Fi/Fantasy/Horror, Musikfilm sowie Filme rund um Fussball, Weihnachten, Menschenrechte, die Darstellung bzw. Filmschaffen von Non-Binary Menschen oder das atomare Zeitalter, sind vielfältige Genres, Gattungen und Themen vertreten. Unsere Mitglieder präsentieren Filme, die vor der Haustür in Berlin und Brandenburg entstanden sind, sowie bewegte und bewegende Bilder aus aller Welt, auch bei Festivals, die sich Filmen aus Afrika, Australien und Neuseeland, Russland, Brasilien, Schweiz, Litauen, Niederlande und Flandern, und der arabisch- oder französischsprachigen Welt widmen.

Aktuell fallen die meisten Festivals in Berlin jedoch durch die Raster der meisten Förderungen und Hilfen, weil der Bereich Film/Medien – unserer Meinung nach künstlicherweise – auf die Zuständigkeit derSenatskanzlei und, was den sogenannten „künstlerischen Film“ betrifft, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa aufgeteilt wird. Das Medienboard Berlin-Brandenburg fördert lediglich Festivals mit „Relevanz für den medienwirtschaftlichen Standort“ Berlin.

Die Festivals zeigen Filme, die das Berliner Publikum sonst nicht zu sehen bekommen würde. Sie bereichern die Programme der abspielenden Kinos, verschaffen Berliner Kreativen und anderen Gewerbetreibenden Aufträge und Arbeitsmöglichkeiten, tragen zu vielfältigen Bildungsangeboten bei, fördern die interkulturelle Verständigung und die Entwicklungszusammenarbeit.

Diese oft unabhängig organisierten Festivals kooperieren mit einem großen Netzwerk an Akteur:innen wie Veranstaltungsorte, Kulturinstitute, Medien und anderen Initiativen und können auf nur wenige Förderinstrumente zurückgreifen, die ihren spezifischen Begebenheiten Rechnung tragen.

Filmfestivals müssen mit anderen Kunstsparten um Gelder von bspw. Hauptstadtkulturfonds oder Spartenoffene Förderung konkurrieren und wie bereits erwähnt, sind für das Medienboard Berlin-Brandenburg bis auf wenige Ausnahmen nicht förderungswürdig.

Das gerade von der Senatsverwaltung für Kultur und Medien aufgelegte Sonderstipendium für Künstler: innen und Kurator:innen zeigt einmal mehr, dass Kurator:innen von Filmfestivals, deren Programme sich zwar nicht der Medien- oder bildenden Kunst zuordnen lassen, aber dennoch ästhetische ambitionierte Filmwerke zeigen, nicht als unterstützungswürdig erachtet werden. Somit fällt diese Festivalarbeit zwischen zwei Stühle.

Deshalb treten wir hoffnungsvoll an Sie heran.

Wir wünschen uns, dass Film in seiner ganzen Vielfalt als eigenständige Kunstform anerkannt wird und dass es eine klare Zuständigkeit für kulturelle Filmarbeit gibt. Bisher zeigte sich die Senatskanzlei (ausführenderweise das Medienboard Berlin-Brandenburg) für Medien als Wirtschaftsfaktor und die Senatsverwaltung für Kultur und Europa für Medien in Angrenzung an die bildende Kunst zuständig. Das wird der Kunstform Film in seiner Vielfalt nicht gerecht, und dadurch verschwindet ein Großteil der Akteur:innen und Aktivitäten der kulturellen Filmarbeit in einem Zuständigkeitsvakuum. Dieser Zustand ist unhaltbar, erst recht in Anbetracht des Beitrages der kleineren und mittleren Filmfestivals und Filmreihen und betreffs deren Bereicherung des Kulturlebens der Stadt.

Daraus folgend fordern wir,

– dass die Arbeit von Filmfestivals, als wichtigen Bestandteil des Berliner Kulturlebens, durch nachhaltige und passgenaue Förderprogramme langfristig unterstützt wird.

– Das würde auch die Anerkennung der Film- und Medienkurator:innen als kulturell relevante und unterstützungswürdige (z.B. auch durch Stipendien) Tätigkeit beinhalten.

– Wie oben erläutert, klare landespolitische Zuständigkeit für die gesamte Bandbreite der kulturellen Filmarbeit.

Gerne treten wir in Ihnen in einen Dialog, um Möglichkeiten einer solchen Unterstützung auszuloten.

Mit freundlichen Grüßen

Vorstand Festiwelt – Netzwerk der Berliner Filmfestivals:

Matthias Groll
interfilm Berlin

Anna Leonenko
Russische Filmwoche

Sebastian Brose
achtung berlin – New Berlin Film Award

Thomas Zandegiacomo Del Bel
ZEBRA Poetry Film Festival

Natalie Gravenor
One World Berlin Human Rights Film Festival / Soundwatch Berlin Music Film Festival


Weitere Erstunterzeichner:

Kathlen Eggerling
Festivalarbeiter*innen in ver.di

Bundesverband kommunale Filmarbeit e.V.

AG Filmfestival

AG Dokumentarfilm/Regionalgruppe Berlin-Brandenburg

Uta Rügner
Afrikamera

Bernhard Karl
Around The World In 14 Films

Artur Brzozowski
Fantasy Filmfest

Jutta Wunderlich
Uranium Film Festival Berlin

Teresa Vena
Film:Schweiz / Prachtige films

Christoph Gabler
11mm – Internationales Fussballfilmfestival

Monica Koshka-Stein
KUKI – Internationales Kurzfilmfestival für Kinder und Jugenliche

Robin Bodenhaupt
Contravision

David Ghane
Obscura Filmfestival

Monika Richter
filmPolska

Claudia Jubeh
ALFILM – Arabisches Filmfestival Berlin

Giedrė Simanauskaitė
Litauisches Kino Goes Berlin

Denis Demmerle
Berliner-Filmfestivals.de